Attention based Charity

Die Innovation des Sponsoring

von Stephanie Czerny

Staatsakt zur Eröffnung der Pinakothek der Moderne

Wenn es stimmt, dass öffentliche Aufmerksamkeit eine Währung ist, auf die keine Person, kein Unternehmen und keine Initiative verzichten kann, um ans Ziel zu kommen, dann muss die herkömmliche Form des Sponsoring neu erfunden werden.

Vor allem ein Medien-Unternehmen muss seine ureigenste Kompetenz, öffentlich Attraktives zu produzieren, dafür einsetzen. Hubert Burda hat darum Mitte der neunziger Jahre entschieden: Sein Medien-Unternehmen beteiligt sich vor allem dann an Sponsoring-Aktivitäten, wenn sein Beitrag in der Herstellung öffentlicher Wahrnehmung für die zu unterstützende Initiative bestehen kann.

Aufmerksamkeit zu erzeugen, diese neue Form des Sponsorings, läßt sich an vier exemplarischen Aktivitäten aufzeigen, die Hubert Burda initiierte: Die „Sympathiekundgebung für die Pinakothek der Moderne“ in München, die Felix Burda Stiftung und ihre Darmkrebs-Kampagne, Bambi 2004 der sich dem Kampf gegen AIDS widmete sowie die Medien-Promotion „Paten für Toleranz“, die Spender für das neue Jüdische Zentrum in München einlobte. Sie werden hier einzeln vorgestellt. Ergänzt werden die Texte durch Beiträge die diese neue Form des Sponsorings in einen größeren Zusammenhang stellen: Der erste von Georg Franck, Architekturprofessor und Philosoph in Wien, dessen Buch „Die Ökonomie der Aufmerksamkeit“ vor Jahren Furore machte. Der zweite von Gregor Vogelsang, resümiert die schwunghafte Entwicklung der „attention industry“. Mark Buchanan, bekannt geworden durch „Small Worlds“, reflektiert im dritten Beitrag über die Bedeutung von Netzwerken. Die Effizienz von Netzwerken ist ein zentraler Bestandteil der Medienkampagnen von Hubert Burda Media.

0 und 1 – Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter von Gregor Vogelsang

Die neue – die wirklich neue – Ökonomie von Professor Georg Franck

Networks by Mark Buchanan

Die Kunst der Aufmerksamkeit von Klaus Wittkamp

Paten für Toleranz von Silvia Adani

Bambi: Attention creates Charity von Philipp Welte

Interview mit Frau Dr. Maar, Vorstand Felix Burda Stiftung, zu Ihrer Darmkrebs-Kampagne

Paten für Toleranz

von Silvia Adani, Kuratorium zur Förderung des Jüdischen Zentrums Jakobsplatz 

In Literatur, Dichtung und Musik ist sie als Schlüsselthema ebenso bedeutend wie für Philosophie, Politik und Religion: die Toleranz, als Maßstab und Status der demokratischen, freiheitlichen Verfassung einer Gesellschaft und des Umgangs der Menschen miteinander.

Wenn Toleranz nicht wirklich von jedem Einzelnen gelebt wird, wenn Toleranz nicht Denken und Handeln des Einzelnen bestimmt, dann sind Frieden, Offenheit und Respekt zwischen Menschen, Kulturen und Religionen nicht möglich.

Der innige Wunsch, die Umsetzung dieser humanistischen Ideale aktiv zu unterstützen und fördern und damit der Toleranz einen Weg in die Herzen und Köpfe der Menschen zu bahnen, hat Prof. Dr. Hubert Burda dazu bewegt, die Initiative „Paten für Toleranz“ ins Leben zu rufen und als Vordenker und Vorbild diese selbst zum Erfolg zu führen.

Willy Bogner entschied sich für ein Zitat von Paul McCartney

„Paten für Toleranz“ ist eine breit angelegte Medienkampagne, die Spendengelder für den Bau des Jüdischen Zentrums Jakobsplatz einlobt. Die Spender bekennen sich mittels einer Patenschaft eines berühmten Zitats zu Toleranz und Offenheit. Die Initiative wird durch die großen Münchner Medienhäuser realisiert und umgesetzt. Neben Prof. Dr. Hubert Burda und den Münchner Verlegern zählen auch Helmut Markwort und Charlotte Knobloch zu den Initiatoren.

Die Kampagne führt alle notwendigen Elemente zusammen: Die Worte großer Persönlichkeiten der Geschichte und Kultur vereinen sich mit dem Ansehen engagierter Paten; die beeindruckende Reichweite der führenden Medeinhäuser Süddeutschlands führt für ein Millionenpublikum nicht nur eine Begegnung mit dem Begriff der Toleranz herbei, sondern gewinnt dieses dafür, ebenfalls tatkräftig und engagiert für diese einzutreten.

Die Basis des Konzepts bilden keine geringeren Denker, Schriftsteller, Künstler und Persönlichkeiten als etwa Friedrich Schiller, Voltaire, Paul McCartney oder John F. Kennedy; sie alle stehen Pate für die „Paten für Toleranz“. Mit ihren Gedanken und Ideen agieren sie quasi als Spiritus Rector des gesamten Projekts, ihre Zitate stehen für die Vision der Toleranz.

Eröffnung des Jüdischen Zentrums

Für diese Gedanken von Weltgeltung haben sich zahlreiche prominente Personen und Persönlichkeiten sofort begeistert und spontan ihre Teilnahme zugesagt. Sie haben jeweils die Patenschaft für eines dieser historisch oder zeitgeschichtlich bedeutsamen Zitate übernommen. Die Gruppe wuchs stetig weiter an zu einem Chorus, dessen Stimme nicht mehr einfach überhört werden konnte. Das Online / Offline-Konzept der Kampagne eröffnete potentiellen Interessenten die Teilnahme durch die Nutzungsmöglichkeit der verschiedenen Kommunikationskanäle. Die eigens konzipierte Website eröffnete darüber hinaus noch zahlreiche weitere Möglichkeiten: Bereits mit einer Spende von fünf Euro war die Teilnahme möglich, neben der Onlinebuchung einer Anzeige konnten eigene oder neue Zitate eingereicht werden und es wurde eine „Hall of Fame“ mit allen bisherigen Anzeigen eingerichtet.

Die großen Münchner Verlage von der „Süddeutsche Zeitung“, über „Münchner Merkur“, „AZ“ bis zu „TZ“ wurden ebenfalls begeistert, die Kampagne aktiv zu unterstützen. Mit ihrer Reichweite und journalistischen Kompetenz war dieses Engagement der Schlüssel zum Erfolg der „Paten für Toleranz“. Millionen Leserinnen und Leser fanden über mehrere Monate hinweg beinahe täglich in der Zeitung ihrer Wahl einen Paten mit einem neuen Zitat.

Alle Spender verewigten sich in der „Hall of Fame“

Während die Paten sich bereit erklärten, für diese Anzeigen den marktüblichen Preis in Abhängigkeit von Farbigkeit und Größe der Anzeige zu entrichten, konnten die Verlage überzeugt werden, diese Anzeigen zum Selbstkostenpreis zu veröffentlichen. Damit wurden rund 85 Prozent des jeweiligen Anzeigenpreises dem Bau des Jüdischen Zentrums Jakobsplatz als Spenden zur Verfügung gestellt.

Ohne Abzüge oder weitere Kosten kamen diese Spenden direkt dem Jüdischen Zentrum Jakobsplatz zugute. Auf dem Jakobsplatz in München, einem der ältesten Plätze der Stadt, entsteht das Jüdische Zentrum, bestehend aus Synagoge, Jüdischem Gemeinde- und Kulturzentrum und Jüdischem Museum. Dieses Projekt, das gleichzeitig die Vision einer neuen Ära des Miteinanders widerspiegelt und repräsentiert, ist wohl eines der zentralen Vorhaben im Nachkriegsdeutschland.

Das Zentrum, das zu einem Gutteil von der jüdischen Gemeinde selbst finanziert, aber vom Freistaat Bayern und der Landeshauptstadt München ebenfalls nachhaltig gefördert und unterstützt wird, ist Prüfstein des Status Quo des Toleranzbegriffs und dessen Verankerung in der deutschen Gesellschaft. Denn ohne die allgemeine gelebte Akzeptanz und der selbstverständliche Umgang mit anderen Religionen, Weltanschauungen und Gedanken hat dieses Zentrum im Herzen Münchens keine Chance, seine Kraft im Wechselspiel mit einem modernen, weltoffenen und reichen städtischen Leben und einer urbanen Kultur.

Die Kunst der Aufmerksamkeit

Hubert Burda und die ‚Sympathiekundgebung für die Pinakothek der Moderne’

von Klaus Wittkamp

Nur ein einziges Mal war es gelungen, den besten deutschen Fußballspieler und den wichtigsten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts zusammenzubringen.

Dies geschah, nachdem Franz Beckenbauer sich entschlossen hatte, in einer Zeitungsanzeige sein Porträtfoto neben einem Gemälde von Max Beckmann abbilden zu lassen. Ermöglicht wurde dieses Gipfeltreffen von Hubert Burda, der in einer kunstsinnigen Spendenkampagne die Bürger dazu aufrief, möglichst viel Geld für die Münchner Pinakothek der Moderne zu sammeln. Was war geschehen? Wie kam der geniale Libero dazu, sich mit Beckmanns rätselhaftem ‚Stilleben mit Fernrohr’ einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren?
Wir erinnern uns.

München war schon immer eine Stadt, in der die Alten Meister größere Chancen hatten als die Meister der Moderne. Die zeitgenössische Kunst stand immer ein wenig im Abseits. Während seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in vielen deutschen Städten epochemachende, architektonisch bedeutsame Museen entstehen, ist die ‚Staatsgalerie für moderne Kunst’ im dafür völlig ungeeigneten Haus der Kunst untergebracht. Die Bestände der Neuen Sammlung, eines der weltweit führenden Museen für angewandte Kunst des 20. Jahrhunderts, werden wegen Raummangels als Leihgaben auf Weltreise geschickt; das Architekturmuseum und die Graphische Sammlung besitzen weder eigene Gebäude, noch geeignete Ausstellungsräume. Dieser Zustand ist nicht nur schlecht für die Kunst und das Ansehen Münchens, sondern enttäuscht auch viele Sammler, die ihre Leihgaben, Stiftungen oder Schenkungen in den Depots verschwinden sehen.

Franz Beckenbauer steht Pate für das „Große Stillleben mit Fernrohr“ von Max Beckmann

Aus diesem Grund beschließt die Bayerische Staatsregierung zu Beginn der 90er Jahre – nach langem Zögern und auf erheblichen Druck der Medien –, in München ein neues Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts zu errichten. Da der Ministerpräsident aber nicht sicher ist, ob die bayerische Bevölkerung tatsächlich bereit ist, für die Kunst von Pablo Picasso oder Joseph Beuys erhebliche Summen auszugeben, verknüpft er den Regierungsbeschluß mit einer bis zu diesem Zeitpunkt einmaligen Forderung. Bevor der Freistaat die Finanzierung übernimmt, so lautet die Vorgabe, sollen zehn Prozent der Bausumme, also 20 Millionen DM, von privater Seite zusammengetragen werden.

Von diesem Zeitpunkt an ist die Pinakothek der Moderne angewiesen auf das kluge Engagement und die ausdauernde Phantasie zahlreicher Persönlichkeiten und Instanzen und vor allem der Münchner Bürger. Im Zentrum der Aktivitäten steht die eigens zum Zwecke des ‚Fund Raising’ gegründete ‚Stiftung Pinakothek der Moderne’, die unter der Schirmherrschaft von Herzog Franz von Bayern und der besonderen Mitwirkung des Generaldirektors der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Johann Georg Prinz von Hohenzollern, die Herausforderung des Freistaates annimmt.

Zu den herausragenden Initiativen, die in den folgenden Wochen gestartet werden, gehört die „Sympathiekundgebung für die Pinakothek der Moderne“, die Hubert Burda ins Leben ruft. Als Kuratoriumsmitglied ist der Verleger dazu aufgerufen, mit einer beträchtlichen Spende zum Bau des neuen Museums beizutragen. Nun gehörte es noch nie zur Mentalität Hubert Burdas, anonym und ohne synergetische Effekte ein öffentliches Vorhaben zu begleiten. Er bevorzugt die ungewöhnliche Kampagne. Er richtet den Blick auf neue Strategien und Wahrnehmungsformen. Leidenschaftlich sucht er nach ebenso zeitgemäßen wie erregenden Formen einer „Ökonomie der Aufmerksamkeit“.

Kunstgesinnte in der Rotunde der Pinakothek der Moderne

Tatsächlich ist es vor allem eine neue Qualität der Aufmerksamkeit, die Hubert Burda mit seiner ‚Sympathiekundgebung’ herstellen möchte. Er entwickelt die Idee, Freunde und Förderer aus der gesamten Bürgerschaft sowie Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, aus Kunst, Kultur und Sport zu finden, die in einer Anzeigenkampagne öffentlich zu Spenden aufrufen und sich somit als Förderer der modernen Kunst zu erkennen geben. Gleichzeitig sollen sie mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie selbst eine großzügige Spende leisten. Veröffentlicht werden die Anzeigen in den vier großen Münchner Tageszeitungen, der ‚Süddeutschen Zeitung’, der ‚Abendzeitung’, der ‚tz’ und dem ‚Münchner Merkur’. In diesen Anzeigen kann jeder Teilnehmer mit seinem Porträtfoto, seinem Namen und einem Kunstwerk seiner Wahl dazu aufrufen, sich ebenfalls für die Pinakothek der Moderne zu engagieren.

Der Erfolg der ‚Sympathiekundgebung’ ist durchschlagend. In den folgenden Wochen erscheinen täglich Anzeigen, in denen Persönlichkeiten, die man bis zu diesem Zeitpunkt kaum mit Kunst in Zusammenhang bringen konnte, für das neue Museum werben. Zunächst sind es die prominenten Namen, die Aufsehen erregen: Franz Beckenbauer lässt sich mit Max Beckmann abbilden, Willy Bogner mit einer Landschaft von Picasso, Roland Berger mit einer Liebeserklärung für Robert Motherwell, Gerd Käfer mit einer Abstraktion von Kandinsky. Auch große Unternehmen finden sich unter den Teilnehmern, entweder mit ihrem Logo oder dem Porträt ihres Vorstandsvorsitzenden. Die Liste der Förderer liest sich schließlich wie ein „Who’s who“: Florian Langenscheidt, Ingvield Goetz und Markus Wasmeier sind ebenso dabei wie Siemens, Allianz oder die Münchner Rück.

Vor allem aber lebt die ‚Sympathiekundgebung’ von ungewöhnlichen Konstellationen. Wenn der Fernsehmoderator Dieter-Thomas Heck sich mit Salvador Dalís Bild ‚Das Rätsel der Begierde’ präsentiert, weckt er die Aufmerksamkeit eines Publikums, das der modernen Kunst gemeinhin eher reserviert gegenübersteht. Auch zahlreiche, sonst kulturferne Unternehmen werden erst durch die ‚Sympathiekundgebung’ für die Kunst der Moderne sensibilisiert. So beteiligt Microsoft sich nicht nur an der Anzeigenkampagne, sondern lässt sich, davon angeregt, zum Jahrestreffen seiner Europa-Manager eine exklusive Führung durch die ‚Staatsgalerie moderner Kunst’ vermitteln und spendet dafür einen sechsstelligen Betrag.

Gespannte Besucher bei der Eröffnung

Nach Beendigung der Kampagne hat Hubert Burda sein Ziel erreicht. Mit einer ungewöhnlichen Aktion hat er eine breite Öffentlichkeit für die Pinakothek der Moderne begeistert, eine enorme Geldsumme gesammelt und darüber hinaus eine hohe Aufmerksamkeit für das eigene Haus erreicht.

Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit, die er angeregt hat, ist im heutigen Kulturbetrieb nicht mehr selbstverständlich. Eine große Bürgerbewegung gehörte zu dem Netzwerk, das für einige Wochen die Kunst der Münchner Museen im Gespräch hielt. Künstler gaben kostenlos ihre Bildrechte frei; Zeitungsverleger stellten Platz für die Anzeigen zur Verfügung; Prominente wie Boris Becker erschienen auf Fund-Raising-Dinners, auf denen die vier Museumsdirektoren die Pläne für die Pinakothek der Moderne vorstellen konnten. Den größten Anteil am Erfolg aber hatten all jene bekannten und unbekannten Teilnehmer, die nicht nur großzügige Spenden für das Museum geleistet haben, sondern die zugleich das Wagnis auf sich nahmen, sich in aller Öffentlichkeit mit einem schwierigen Kunstwerk von Georg Baselitz, Sol LeWitt oder Joseph Beuys ablichten zu lassen. Die zahllosen Zehn-Mark-Überweisungen auf das Spendenkonto beweisen, daß die ‚Sympathiekundgebung’ auch breite Bevölkerungsschichten von der Notwendigkeit des neuen Museums überzeugen konnte.

So hat Hubert Burda wieder einmal nichts anderes getan, als seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: neue Orte für neue Bilder zu finden, in diesem Falle die Pinakothek der Moderne, für die vor fast genau zehn Jahren der erste Spatenstich erfolgte.

Das Wort ‚Pinakothek’ leitet sich aus dem Griechischen ab und bezeichnet „den Ort, an dem man Bilder aufbewahrt“. Für Hubert Burda sind diese Bilder mehr als bemalte Leinwände oder Holztafeln. Bilder stehen für ihn in einem viel umfassenderen Kontext. Die Frage nach dem Bild impliziert den Blick auf grundlegende Formen der Wahrnehmung, zu denen ein Gemälde von Tizian oder eine Installation von Bruce Naumann ebenso gehören kann wie die darin zur Sprache kommenden Imaginationen und Einbildungen, Metaphern und Traumbilder, Erinnerungen an Vergangenes und Vorstellungen des Künftigen. Bilder sind demnach das Gegenteil von Abbildungen; sie sind Medien, die zwischen der kaum einsehbaren Welt des Unbewussten und den scheinbar so klaren Einsichten des Erkenntnisvermögens vermitteln. Eine Pinakothek ist der Aufbewahrungsort dieser Bild-Medien: sie repräsentiert nicht weniger als das kollektive Gedächtnis der Menschheit und den Blick des Menschen auf sich selbst.

Indem Hubert Burda die begnadeten Spielzüge eines Franz Beckenbauer und die bis heute unergründlichen Stilleben eines Max Beckmann zu einem einzigen Bild verdichten konnte, zeigt er uns, daß die Kunstgeschichte der Moderne vorläufig noch nicht beendet ist.

Die neue – die wirklich neue – Ökonomie

von Professor Georg Franck

Der Erfolg des Hauses Burda belehrt all die eines Besseren, die glauben, daß die Ökonomie der Aufmerksamkeit eine Ökonomie im nur übertragenen Sinn sei.

Das Haus ist Bank und Börse in Sachen Aufmerksamkeit. Wer schnell und richtig reich an Beachtung werden will, muß in die Bunte. Wer in Rankings und Hitlisten vorne mitmischen will, sollte im Focus aufgetaucht sein. Das Medienhaus macht vor, wie die Vermögensverwaltung in Sachen des immateriellen Reichtums funktioniert. Aus einer kleinen Einlage mitgebrachter Bekanntheit kann ein Kapital werden, das sich rentiert. Die Bank investiert die Einlage in Präsentationsfläche. Je bekannter das Gesicht ist – und wird –, um so mehr bringt die Präsentation für den Einleger und freilich für die Bank. Die Bank kann aber auch Werte wie aus dem Nichts schöpfen. Sie kann nämlich mehr Kredite geben, als Einlagen da sind. Sie kann ein Mauerblümchen präsentieren, als sei es schon ein Sternchen. Wenn die Suggestion aufgeht, dann ist da plötzlich ein Renommee, das sich verzinst. Jetzt wird das Medium erst recht wichtig. Es wächst selber über die Hausbank hinaus, wenn das Publikum zu verstehen beginnt, was der Faktor Größe des Bilds mal Häufigkeit der Abbildung bedeutet. Der Faktor notiert einen Kurswert, sobald das Medium als Börsenblatt der Prominenz gelesen wird.

Aus der Sicht des ökonomischen Neulands, das da in Besitz genommen wird, sieht die New Economy von gestern noch älter aus, als es das jüngst Vergangene so an sich hat. Da gibt es nicht nur eine neue Technologie, die Technologie der Attraktion. Da gibt es auch nicht nur eine Klasse von neuen Reichen, die Medienprominenz. Da tritt eine neue Art von Sozialprodukt in Erscheinung: das Aufkommen an der Beachtung, die für den Konsum der Information ausgegeben wird, die in den Medien erscheint. Neu an dieser Ökonomie ist nicht, daß das Geld als Währung abgelöst würde. Neu ist, daß der Gewinn an Beachtung vor dem Profit kommt. Das Haus Burda versteht es wie wenige andere, aus diesem Wechsel der Prioritäten Kapital zu schlagen. Man weiß in diesem Haus, daß die Wachstumspole der Wirtschaft an die Schnittstellen zwischen der Ökonomie des Gelds und der Ökonomie der Aufmerksamkeit gewandert sind. An dieser Schnittstelle – in der Wissens- und Kulturindustrie, im Sport, in der Werbung – boomen die ansonsten lahmenden Wachstumsraten.

Was kann einem Theoretiker Besseres begegnen, als ein potentes Unternehmen, das seine Thesen auf die Probe stellt? Was gibt es Schöneres als die Bestätigung im Stil eines groß angelegten Experiments? Nun, so ungetrübt ist die Freude am diesem Rechthaben nicht. Nicht nur die Ökonomie der Aufmerksamkeit ist eine Ökonomie mit all den Schattenmärkten und all den Schattenseiten, die für eine Marktwirtschaft typisch sind. Auch der mentale Kapitalismus entpuppt sich mehr und mehr als ein Kapitalismus mit all den charakteristischen Höhen und Tiefen. Stichworte sind die schiefe Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die Verwertung des Reichtums, die die Belohnung der Leistung verdrängt, die leistungsfreien Einkommen derer, die ehedem im Überfluß leben. Der mentale Kapitalismus sozialisiert den Status des Elitären ohne Ansehen der Gründe, die zur Bekanntheit verhalfen. Die Medienprominenz glänzt vor allem im Glück, das man haben muß, um so vielen Menschen Beachtung abzunötigen, ohne allzu Beachtliches zu bieten.

Warum gefällt es den vielen, die so wenig für ihre Acht zurückbekommen? Das weiß man nicht. Den Kritikern des mentalen Kapitalismus ist nämlich noch kein Experiment im größeren Stil eingefallen. Ihnen bleibt nur zu stauen, wie glatt der neue Kapitalismus läuft.

0 und 1 – Aufmerksamkeit im digitalen Zeitalter

von Gregor Vogelsang, Partner Booz Allen Hamilton

Über 900 Milliarden Euro setzt die Attention Industry jedes Jahr um, weltweit, Tendenz steigend. Aufwand, der allein betrieben wird, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, denn noch nie war so viel Nachfrage nach Aufmerksamkeit:

Neue Produkte, neue Marken, politische Agenden und deren Macher, gesellschaftliche Anliegen – und natürlich auch Corporate Citizenship und Charity Projekte – suchen in einem täglichen Wettkampf nach Aufmerksamkeit. Charity und Corporate Citizenship Projekte sind sogar in besonderem Maße auf Aufmerksamkeit angewiesen, denn ihr Anliegen für viele gar nicht auf der persönlichen Agenda.

Gregor Vogelsang, Partner Booz Allen Hamilton

Gleichzeitig war aber auch noch nie so viel Angebot, um auf sich aufmerksam zu machen: Wer die Öffentlichkeit heute sucht, wird sie auch finden – in zunehmendem Maße, indem er sie selbst schafft. Web 2.0 versorgt jeden und alles mit einem Kanal. Blogs, Vlogs, Mlogs, Communities. Wie im E Commerce hat sich ein „Long Tail“ der Aufmerksamkeit im Netz erfolgreich etabliert. Die Suchmaschinen sind die neuen Herren dieser Long Tail Attention im Web. Der Link ist die neue Währung der Aufmerksamkeit, nicht mehr der Space: Mehr Links, mehr Aufmerksamkeit.

Schliesslich sind da noch die Konsumenten, die eigentlichen Adressaten der Attention Industry. Unsere Möglichkeiten, auch noch die letzten Minuten unseres wachen Daseins mit der Aufnahme und Abgabe von Botschaften zu verbringen ist geradezu dramatisch angestiegen. Unsere Erreichbarkeit ist auf ein 24x7x365-Niveau geklettert, unsere Zeiteinheiten für die Beschäftigung mit Botschaften in dieser erreichbaren Spanne sind immer kleiner geworden, sprich wir beschäftigen uns in einem wachsenden Zeitraum mit immer mehr und immer kleineren Einheiten.

Mehr Nachfrage, mehr Angebot und mehr Zeit. Aber: weniger Übersicht, größeres Durcheinander der Botschaften, Medien, Bittsteller… .Mit der Aufmerksamkeit ist es wie mit den Informationen. Information ist nicht gleich Information und Aufmerksamkeit ist nicht gleich Aufmerksamkeit. Es ist die Quelle, die den Unterschied macht. Die persönliche Empfehlung oder das „Endorsement“ sind in dieser sich individualisierenden Welt ein immer wichtigeres Mittel zum Wecken von Aufmerksamkeit. Der oder die Prominente, die für ein Projekt, ein Charity-Anliegen werben, vergeben damit das Wertvollste in der Attention Industry – ihr persönliches Endorsement und damit ihr Aufmerksamkeitskapital.