Eine Ära geht zu Ende

Hubert Burda mit den Preisträgern Franz Mon und Tomas Venclova und den Jurymitgliedern

Vierzig Jahre nach seiner Gründung wurde am vergangenen Samstag, dem 14. Juni, der Petrarca-Preis im Bayerischen Nationalmuseum in München verliehen – zum letzten Mal, wie der Preisstifter Hubert Burda mit einiger Melancholie ankündigte. Gleichzeitig aber äußerte Burda die Absicht, das mit der Preisverleihung stets einhergehende Fest der Literatur weiterführen zu wollen, als eine Zusammenkunft von Dichtern und Freunden der Poesie im Juni in München. „Denn“, so Burda, „diese Tage in der Mitte des Jahres waren die, auf die ich mich all die Jahre mit am meisten gefreut habe.“

Mit der diesjährigen Preisverleihung an die Lyriker Franz Mon und Tomas Venclova sei der Petrarca-Preis zu einem „würdigen Ende“ gekommen, so Burda. Er erinnerte noch einmal an die Gründungsphase des Preises, als sein Münchner Freundeskreis beschlossen hatte, Dichter zu ehren, die im Geiste des großen italienischen Humanisten Francesco Petrarcas (1304-1374) wirkten und dem Namensgeber entsprechend die Lyrik, eine traditionell mit wenig Aufmerksamkeit bedachte Gattung, in den Mittelpunkt zu rücken.

Die frappierende Aktualität Petrarcas stellte der Literaturwissenschaftler und Petrarca-Spezialist Karlheinz Stierle in einem brillanten Vortrag dar. Er rühmte ihn als Dichter der Nachdenklichkeit – und als jemanden, der früh Naturbeobachtungen in sein Werk einbezog und damit bis heute stilprägend und wirkmächtig geblieben sei.

Das ganze Spektrum dessen, was die Dichtkunst zu leisten im Stande ist, zeigte sich an der Auswahl der Preisträger in diesem besonderen Jahr 2014. Die Juroren Peter Handke, Peter Hamm, Alfred Kolleritsch und Michael Krüger hatten sich für den Frankfurter Franz Mon und den Litauer Tomas Venclova entschieden. Mons mit Witz und Formwillen sorgfältig gefassten Gedichte zeigten ihn als einen sprachspielerischen Artisten, erklärte Peter Handke in seiner Laudatio. Handke arbeitete Mons Poetik anhand seines langen Briefwechsels mit dem ostdeutschen Dichter Carlfriedrich Claus heraus.

Tomas Venclova, der 1937 in Memel geborene und 1977 in die USA emigrierte Dichter und Literaturwissenschaftler, dagegen verfasse „große strenge Gedichte“, so der Laudator Michael Krüger, aus denen die ganze Trauer und Verlorenheit des aus seiner Heimat Vertriebenen spreche. Sie seien, so Krüger, melancholisch sarkastische Befunde eines Dichters, dem jede geschichtsphilosophische Tröstung ausgetrieben worden sei. Hysterischer Nationalismus sei ihm zutiefst suspekt, habe Venclova einmal geschrieben. Lieber sei er ein „wurzelloser Kosmopolit“. In einem seiner Gedichte, das er in München beeindruckend und freisprechend vortrug, heißt es: „Ich weiß nur eins: Das Böse stirbt nie, nur die Blindheit, die lässt sich verscheuchen. Und dass Verse mehr wert sind als jeder Traum.“

Zum Einstieg in die Gedankenwelt dieses großen Europäers, der in den USA zu einem einflussreichen Literaturwissenschaftler an der Universität Yale wurde, empfahl Krüger aber dessen einziges auf Deutsch erhältliches Prosa-Werk: „Vilnius. Eine Stadt in Europa“. Das Buch sei – „untertrieben ausgedrückt“ – ein Meisterwerk. Mit stilistischer Eleganz und großem Witz erforsche es die mythischen und sehr realen Schichten dieser Stadt, die in jener Zeit entstand, als auch Athen und Rom gegründet wurden und die lange als „die italienischste Stadt nördlich der Alpen“ galt.

Und so schließt sich auch hier der Kreis zu Petrarca und zu München, das vielen als „italienische“ Stadt gilt und in dem sich der verschworene Freundeskreis von nun an jährlich zusammenfinden wird, um ausgelassen Petrarca zu feiern – und die Poesie.

Petrarca-Preis für Kito Lorenc und Miodrag Pavlovic

Die Petrarca-Preis-Jury mit den Preisträgern 2012 © Hubert Burda Media

In Marbach am Neckar, 20 Kilometer von Stuttgart entfernt, im Geburtsort Friedrich Schillers wurde am Wochenende der Petrarca-Preis für europäische Literatur verliehen. Die von Verleger Hubert Burda gestiftete und mit 20 000 Euro dotierte Auszeichnung hat sich zum Ziel gesetzt, Autoren, „die trotz ihrer Bedeutung für ihre heimatliche Literatur in Deutschland nicht ihrem Rang gemäß wahrgenommen werden“, eine breitere Aufmerksamkeit zu sichern.

In diesem Jahr entschied sich die Jury – Dichter Peter Handke, Schriftsteller und Kritiker Peter Hamm, Autor und „Manuskripte“-Herausgeber Alfred Kolleritsch sowie Schriftsteller und Verleger Michael Krüger – für zwei Preisträger, die jene Anerkennung auf besondere Weise verdienen. Im prächtigen klassizistischen Saal des Marbacher Musems wurden der Sorbe Kito Lorenc und der Serbe Miodrag Pavlovic geehrt.

Der 74-jährige Lorenc habe sich, so sagte Peter Handke in seiner Laudatio, eine kindliche Lust am dichterischen Spiel bewahrt. In seiner Lyrik feiere er die bedrohte Kultur und Sprache der Sorben und seine Heimat, die Landschaft der Oberlausitz – eine Region, die Handke selbst besonders liebt.

Auch das Werk des 1928 in Novi Sad geborenen Miodrag Pavlovic sei entscheidend geprägt vom Verlust der Heimat, erläuterte Peter Hamm in seiner Lobrede. Der Moment, in dem Pavlovic beschloss, zum Dichter zu werden, sei exakt bestimmbar: Es ist der April 1941, als der geflohene 13-Jährige mitansehen musste, wie deutsche Bomber seine Heimatstadt Belgrad zerstörten. Kriegserfahrung, Verlustangst und Trauer prägen Pavlovic‘ Werk. Deutlich herauszulesen sind sie aus seinem Erinnerungs-Roman „Die Bucht der Aphrodite“ von 2000, dieser, so Hamm, „unerhört vielschichtigen Rhapsodie“.

Europäischer Übersetzerpreis 2012: Ungarn im Mittelpunkt

Vorstand der Hubert Burda Stiftung Ewald Seger, Oberbürgermeisterin von Offenburg Edith Schreiner, Autor Péter Nadás, Förderpreisträgerin Agnes Relle, Hauptpreisträgerin Christina Viragh und Generalkonsul von Ungarn Tamás Mydló in der Fondation der Hubert Burda Stiftung in Offenburg © Hubert Burda Media

Sprachliche und kulturelle Sensibilität zeichnen sie aus: Die ungarisch-schweizerische Übersetzerin und Autorin Christina Viragh hat Werke bedeutender ungarischer Literaten wie Péter Nádas, Sándor Márai oder Imre Kertész übersetzt. Für ihre Arbeit wurde sie am Sonntag in Offenburg mit dem mit 15.000 Euro dotierten Europäischen Übersetzerpreis ausgezeichnet. Den Förderpreis in Höhe von 5.000 Euro erhielt die Übersetzerin und Expertin der zeitgenössischen ungarischen Literatur Agnes Relle. Damit würdigten die Hubert Burda Stiftung und die Stadt Offenburg Relles umfassendes Know-how über Ungarns gesellschafts- sowie kulturpolitische Entwicklung und Übersetzungen junger ungarischer Autoren hervor.

Die Verleihung, die in diesem Jahr erstmals unter der Schirmherrschaft des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann stand, fand in der historischen Kultur- und Gedenkstätte „Salmen“ statt. Für die Festrede reiste der ungarische Bestseller-Autor Péter Nádas an. In seiner Ansprache ging er auf die verfahrene Geschichte Ungarns ein, stellte die Besonderheiten der ungarischen Sprache vor und betonte die Hürde, die zum Deutschen zu überwinden sei.

Auch Laudatorin Ilma Rakusa, Schweizer Literaturwissenschaftlerin, Schriftstellerin und Literaturübersetzerin, sprach über die Herausforderungen für Übersetzer und lobte in ihrer Laudatio auf Viragh insbesondere ein Werk der Autorin: „Mit der Übersetzung des hochsensiblen Prosa-Werks ‚Parallelgeschichten‘ von Péter Nádas hat sie sich einer besonders komplexen Herausforderung gestellt, da das Werk mit seinen verschiedenen Erzählebenen, unterschiedlichsten Erzählformen, Fachthemen, Wortschätzen unglaublich schwierig zu übersetzen ist.“

„Wenn wir aufhören, uns zu übersetzen, hören wir auf, uns zu verstehen, und dann hören wir auf, miteinander zu leben“ – unter diesem Motto verliehen die Stadt Offenburg und die Hubert Burda Stiftung bereits zum vierten Mal den Europäischen Übersetzerpreis. Herausragende Übersetzer der Literatursparten Prosa und Lyrik, die mit einem außerordentlichen Sprachgefühl und Kulturverständnis literarische Werke eines europäischen Landes in die deutsche Sprache übersetzt haben, werden seit 2006 alle zwei Jahre mit diesem Preis geehrt. Dabei wird ein Land regelmäßig im Vorfeld bestimmt, dass ins Zentrum der Verleihung rückt: 2010 stand das Land Dänemark im Mittelpunkt, 2008 Frankreich und 2006 Polen.

Warum in diesem Jahr Ungarn in den Fokus der Verleihung rückte, erklärte Offenburgs Oberbürgermeisterin Edith Schreiner: „Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen möchte der Europäische Übersetzerpreis insbesondere Schriftstellern, Kulturschaffenden, Journalisten und Denkern, die sich der Demokratie und den Freiheitsrechten verbunden fühlen, in ihrem eigenen Land den Rücken stärken und ihnen mitteilen: ‚Ihr seid nicht allein!'“

Schreiner ist Teil der Findungskommission, die den Preis von Beginn an begleitet. Neben ihr sind Persönlichkeiten des Literatur- und Verlagswesens Teil der Kommission, darunter Günter Berg vom Verlag Hoffmann und Campe, Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt Klaus Reichert und Ulrich Greiner von der „Zeit“.

„Die digitale Revolution hat der Welt völlig neue Wege der Kommunikation eröffnet“, schrieb Hubert Burda in der Festschrift. „Das Internet überwindet Grenzen und baut Brücken. Dabei spielt Sprache eine entscheidende Rolle.“ Er betonte, dass es dabei die Übersetzungen seien, die die sprachlichen Barrieren zwischen den Menschen, den Nationen und ihren unterschiedlichen Kulturen überwinden. „Unsere Übersetzer sind die ‚Stillen Helden‘ der Literatur. Erst durch sie entfaltet die Kunst der Autoren ihre grenzüberschreitende Wirkung.“

Petrarca-Preis in Marbach

Die Jury des Petrarca-Preis: Peter Handke, Peter Hamm, Hubert Burda, Michael Krüger und Alfred Kolleritsch © Hubert Burda Media

Der von Hubert Burda gestiftete Petrarca-Preis wird am 23. Juni in Marbach verliehen. Er geht für 2012 an den Sorben Kito Lorenc und den Serben Miodrag Pavlovic. Beide Preisträger setzen auf die Kraft der Sprache als Ausdruck der Kultur ihres Landes. Kito Lorenc, 1938 in Schleife geboren, hat sein ganzes Leben für den Erhalt der sorbischen Sprache und Kultur gekämpft – als Mitarbeiter am Institut für Sorbische Volksforschung in Bautzen, als Dramaturg am Sorbischen Theater und als sorbisch-deutscher Lyriker. Miodrag Pavlovic, 1928 in Novi Sad geboren, war zunächst Arzt und später Mitarbeiter eines Verlags in Belgrad. Heute lebt er in Süddeutschland. Sein lyrisches und erzählendes Werk ist in der Übersetzung von Peter Urban auch in Deutschland zugänglich.

Der mit 20.000 Euro dotierte Petrarca-Preis feiert die leise und dafür umso eindringlichere Literatur. Denn er wird jährlich an herausragende europäische Autoren verliehen, die nach Ansicht der Jury – Peter Handke, Peter Hamm, Alfred Kolleritsch und Michael Krüger – eine größere Anerkennung verdienen. Solche Autoren, die trotz ihrer Bedeutung für ihre heimatliche Literatur in Deutschland bisher nicht ihrem Rang gemäß wahrgenommen wurden.

Diesem Anspruch wird die Auszeichnung gerecht: Zu den Preisträgern gehörte zum Beispiel bereits 1981 der Schwede Tomas Tranströmer, der im vergangenen Jahr mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde. 2011 ging der Petrarca-Preis an John Burnside und Florjan Lipuš. Der Petrarca-Preis existierte nach ihrer Gründung 1975 bis 1995 und wird seit 2010 wieder verliehen. Von 1999 bis 2009 vergab die Jury den ebenfalls von Hubert Burda gestifteten Hermann-Lenz-Preis an deutschsprachige Autoren. Der Verleihung des Petrarca-Preises findet alljährlich an verschiedenen Orten statt und versteht sich auch als „Gipfeltreffen des Geistes“ und als „Fest der Poesie“, da der Austausch zwischen den Autoren im Vordergrund steht.

Über Tomas Tranströmer

Der einstige Petrarca-Preisträger Tomas Tranströmer erhält dieses Jahr den Literaturnobelpreis. Verleger Hubert Burda schreibt über den schwedischen Lyriker:

„Die Nachricht aus Stockholm hat mich ungemein gefreut: Tomas Tranströmer erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis. Ein stiller, tiefsinniger Lyriker, einer der ganz großen der Gegenwartspoesie, den 1990 ein Schlaganfall traf, dessen Sprechzentrum dadurch erheblich beeinträchtigt wurde, wird die wichtigste Auszeichnung im internationalen Literaturleben zugesprochen – das ist ein großer Tag für ihn, seine Frau Monika, seine Freunde.

Mich stimmt die Auszeichnung noch aus einem anderen Grund besonders glücklich. Tomas Tranströmer erhielt 1981 den Petrarca-Preis, die von mir seit 1975 gestiftete Auszeichnung für Poesie. Und jetzt dreißig Jahre später geht der Nobelpreis an ihn. Für die Preisträger, die Juroren, die Freunde und den Stifter des Petrarcapreises ist das ein ganz unverhofftes Glück. Es wirkt wie eine nachträgliche Anerkennung für die literarische Arbeit eines Preises, der seit Jahrzehnten die Aufmerksamkeit für die europäische Poesie steigern möchte.

Urs Widmer, Hubert Burda, Tomas Tranströmer, Bazon Brock, Lars Gustafsson, Michael Krüger und Peter Handke – der 80jährige Tranströmer gehört zu den ganz treuen Petrarca-Freunden, der auch nach 1981 nichts freudiger tat, als an unseren Preisverleihungen teilzunehmen. Er liebte die italienischen und französischen Orte, die wir im Gedenken an den Autor der Frührenaissance aufsuchten. Er genoss es, sich mit Peter Handke zwischen antiken Ruinen zu bewegen oder auf einer Wiese mit Michael Krüger zu liegen, dem Anblick einer Palladio-Villa ganz hingegeben. Dem Schweden war die mediterrane Landschaft eine Sehnsuchtswelt. Sein schwedischer Freund, der große Romancier, Lars Gustafsson sagte in seiner Laudatio 1981: Seine „Dichtung will uns mit teilweise geheimnisvollen Techniken die ganze Zeit tröstend sagen, dass die Wirklichkeit mit ihren Qualen, ihren Beziehungen und ihren Unterdrückern nicht die ganze Wirklichkeit sein kann.

Die Dichterfeste im Namen Petrarcas konnten laut und fröhlich sein. Aber als dann Tomas Tranströmer an irgendeinem vergessenen Piano – spätabends im Hotel – einige Weisen von Mozart spielte, strahlte er eine Gelassenheit aus, die uns, seine Freunde, tief bewegte. Wir wussten immer, dass er einer der ganz Großen der Literatur ist.“

Gipfeltreffen des Geistes

Europäische Kultur unterstützen: Hubert Burda übergab den Petrarca-Preis 2011

Vergangenen Samstag wurden die Petrarca-Preisträger des Jahres 2011 ausgezeichnet. Im prächtigen Rokokosaal des Klosters Benediktbeuern nahmen die Schriftsteller John Burnside und Florjan Lipuš die Ehrung aus der Hand von Verleger Hubert Burda entgegen. Die Autoren teilen sich den mit 20.000 Euro dotierten Preis. „Wir wollen die nationale und regionale Kultur in Europa unterstützen“, sagte Stifter Hubert Burda zu Beginn der festlichen Preisverleihung.

Erklärtes Ziel sei es, europaweit nach Schriftstellern Ausschau zu halten, die ihrer jeweiligen Kultur eine einzigartige Stimme geben. Der Petrarca-Preis gilt als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen Deutschlands. Einmal im Jahr lädt Hubert Burda zu einem Fest der Literatur ein, das zugleich ein Gipfeltreffen des Geistes ist.

Schon die Zusammensetzung der Jury zeigt den hohen Anspruch dieser intellektuellen Institution. Mit Peter Handke, Michael Krüger, Peter Hamm und Alfred Kolleritsch hat Burda vier hochkarätige Protagonisten der Literaturszene an seiner Seite, die sich weder an Trends noch am Marktwert von Autoren orientieren. Was den Petrarca-Preis unverwechselbar macht, ist das Bekenntnis zum eigenständigen Werk im Kontext regionaler Zugehörigkeit. Die diesjährigen Preisträger, John Burnside und Florjan Lipuš, sind beispielhaft dafür.

Florjan Lipuš gehört der slowenischen Minderheit Kärntens an, einer vergessenen und von der österreichischen Politik unterdrückten Volksgruppe. „Seine Geschichten sind die eines Verschollenen“, sagte Laudator Peter Handke in Anspielung auf Kafkas Romanfragment „Amerika“. Zugleich halte Lipuš eine verschollene Sprache lebendig, die zum machtvollen Dokument von Bitterkeit und Protest werde: „Seine Epik ist ein gegliederter Aufschrei. Die Sprache knirscht mit den Zähnen, und gleichzeitig singt sie.“ Besonders stellte Handke die erzählerische Haltung des Preisträgers heraus: „Eine Mischung aus Noblesse und Frechheit, die wir sonst nur aus mittelalterlichen Epen kennen. Heutzutage gibt es solche Literatur nirgends.“

Lipuš arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Lehrer. Für ihn fiel die Verleihung des Petrarca-Preises mit einem anderen wichtigen Ereignis zusammen: „In Kärnten hat die slowenische Sprache in diesen Tagen eine Ehrung erfahren: Die Ortsschilder sind seit kurzem zweisprachig. Es sind bejahende Symbole für das Jetzt und Hier eines Volkes.“

Wie für Lipuš ist auch für den schottischen Schriftsteller John Burnside das Thema Herkunft und Verlust zentral. Er war ein kleiner Junge, als die Familie Schottland verließ und noch England zog. Als Erwachsener kehrte er zurück. Heute hat er eine Professur für Kreatives Schreiben an der St. Andrews University inne. In seinen Gedichten beschwört Burnside seine schottische Heimat herauf, entwirft sinnliche Szenarien von Häfen und Fischerdörfern. „Er ist ein sprachbesessener Melancholiker mit Lust aufs Dasein“, charakterisierte Laudator Jan Wagner den Autor. „Zusammen mit der visuellen Pracht seiner Sprache hat das etwas geradezu Barockes.“ In Metaphern und Vergleichen feiere Burnside die Sinnlichkeit des Sichtbaren, mit Formulierungen wie „the buttermilk of dawn“. In Deutschland wurde Burnside unter anderem mit dem Roman „Lügen über meinen Vater“ bekannt. Eindringlich schildert er darin eine Kindheit, die von Armut und vom alkoholabhängigen Vater überschattet wird.

Der Petrarca-Preisjury um Hubert Burda ist es einmal mehr gelungen, ein Zeichen zu setzen in der Verwechselbarkeit formatierter Buchproduktion. Zweifellos wird die Ehrung dazu beitragen, Burnside und Lipuš in Deutschland bekannter zu machen. Für die Leser bieten sie die Chance ungewöhnlicher Entdeckungen: zwei Autoren, die sich dem globalisierten Mainstream des Literaturbusiness entziehen.

Ausgezeichnete Prosa

Der Schotte John Burnside sowie der Kärtner Slowene Florjan Lipuš erhalten den Petrarca-Preis 2011

Für ihre herausragenden und bedeutsamen Werke erhalten in diesem Jahr zwei verdiente Autoren den von Hubert Burda gestifteten Petrarca-Preis: der Schotte John Burnside sowie der Kärtner Slowene Florjan Lipuš. Mit der Auszeichnung soll die Arbeit europäischer Schriftsteller gewürdigt werden, die trotz ihrer Bedeutung für ihre heimatliche Literatur in Deutschland nicht ihrem Rang gemäß wahrgenommen wurden.

Einstimmig hatten sich die Juroren Peter Hamm, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Michael Krüger für Burnside und Lipuš ausgesprochen. Mit John Burnside zeichnet die Jury 2011 einen Autor aus, der aktuell mit dem Buch „Lügen über meinen Vater“ auf sich aufmerksam macht. Mit ihm wird die ganz eigenständige schottische Poesie hervorgehoben. Florjan Lipuš wird für sein Romanwerk und als Vertreter der slowenisch geschriebenen Literatur in Kärnten geehrt. Die beiden Preisträger teilen sich den mit 20.000 Euro dotierten Preis, der im Juni verliehen wird.

Der Petrarca-Preis wurde bereits von 1975 bis 1995 an zeitgenössische Dichter und Übersetzer vergeben und sollte an die Geschichte der Poesie erinnern. 2010 knüpften Stifter und Jury nach zehn Jahren Hermann-Lenz-Preis an die Tradition an. Auf Schloss Salem erhielten die internationalen Autoren Erri de Luca und Pierre Michon im vergangenen Jahr die Auszeichnung für ihr literarisches Werk aus den Händen von Verleger Hubert Burda.

Wieder in Petrarcas Namen

Die Jurymitglieder Michael Krüger, Peter Hamm und Peter Handke bei der Buchbesprechung

Ein Fest der Poesie wird es auch in diesem Juni wieder sein – aber mit Rückbesinnung auf seine Wurzeln. Denn nach zehn Jahren Hermann-Lenz-Preis haben sich Stifter Hubert Burda und die Jury – Peter Hamm, Peter Handke, Alfred Kolleritsch und Michael Krüger- entschlossen, den Preis in diesem Jahr erstmals wieder im Namen des italienischen Dichters Petrarca zu vergeben.

Der Petrarca-Preis wurde von 1975 bis 1995 an Lyriker wie Zbigniew Herbert, Jan Skácel, Tomas Tranströmer und Philippe Jaccottet vergeben. An diese Tradition soll die Auszeichnung für europäische Literatur anknüpfen und an internationale Autoren vergeben werden.

Petrarca-Preisträger: Pierre Michon und Erri de LucaDie erste Verleihung des „neuen“ Petrarca-Preises findet am 12. Juni auf Schloss Salem statt. Preisträger der jeweils mit 10.000 Euro dotierten Würdigung sind der Franzose Pierre Michon und der Italiener Erri de Luca.

Wie schon in den Jahren zuvor wird es weiterhin einen Preis für einen jungen osteuropäischen Lyriker geben. Er geht in diesem Jahr an den Slowenen Lucija Stupica. Noch eine Konstante: Auf Schloss Salem werden auch die Stipendiaten der Hermann-und-Hanne-Lenz-Stiftung ausgezeichnet. Die Verleihung findet im Rahmen eines mehrtägigen Poetentreffs statt, zu dem ein Kreis illustrer Gäste eingeladen ist.

Poesie und mehr

Festband zum Hermann-Lenz-Preis-Jubiläum

304 Seiten ist er stark – und auf jeder ein „Fest der Poesie“: Unter diesem Namen haben Hubert Burda und Michael Müller einen Festband zum zehnjährigen Jubiläum des Hermann-Lenz-Preises zusammengestellt, der nun erhältlich ist.

In Erinnerung an Hermann Lenz und in der Nachfolge des Petrarca-Preises vergibt eine Jury um Stifter Hubert Burda die Auszeichnung jedes Jahr an deutschsprachige Schriftsteller. Daneben wird auch das gleichnamige Stipendium verliehen, das Hanne und Hermann Lenz für junge deutschsprachige Literaten oder Literaturwissenschaftler eingerichtet haben. Und der Hubert Burda Preis für junge osteuropäische Lyrik würdigt neue, bisher kaum zu hörende Stimmen von Dichtern Osteuropas, die das neu aufbrechende Leben spiegeln.

Davon, dass es bei der Verleihung seit einem Jahrzehnt auch um den Austausch und das literarische Miteinander geht, zeugen im Jubiläumsband imposante Bildstrecken, Texte der Preisträger und poetische Zugaben von Weggefährten. So lässt „Ein Fest der Poesie“ Leser an Gedanken und Werken teilhaben und macht es möglich, dem Geist der Dichtertreffen das ganze Jahr über nachzuspüren.

„Ein Fest der Poesie: Hermann-Lenz-Preis 1999 – 2009“ ist im Petrarca Verlag, München erschienen. Das Werk ist online unter www.buecher-roth.de für Euro 9,90 (zzgl. Portobeteiligung) oder direkt in der Offenburger Buchhandlung Gustav Roth (Hauptstraße 45) erhältlich. Die ISBN-Nummer lautet: 978-3-87115-005-0

Mit Worten verführen

Ulla Unseld-Berkéwicz, Friederike Mayröcker und Hubert Burda bei der Verleihung des Hermann-Lenz-Preises in Offenburg

„Ich bin sehr bewegt, weil ich nie gedacht hätte, dass ich diesen Preis bekommen könnte. Danke, dass Sie gekommen sind, um mir zuzuhören“, wandte sich Friederike Mayröcker an Jury und Publikum, nachdem Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz die Laudatio auf die diesjährige Hermann-Lenz-Preisträgerin gehalten hatte. Die 84-Jährige wurde am Samstag in Offenburg als elfte Künstlerin mit dem Literaturpreis geehrt.

„Wir vergeben diese Auszeichnung an Orten, an denen Hermann Lenz gewirkt hat – und in Offenburg und auf dem Schlösschen in Fessenbach war er sehr gerne, hat dort sogar gewohnt“, erinnert sich Verleger und Stifter Hubert Burda bei der Begrüßung der Gäste – darunter Witwe Hanne Lenz – im Festsaal des Salmen. „Mit dem Preis bringen wir Künstler und Bücher in Erinnerung, die lange übersehen wurden“, so Burda.

Die 1924 in Wien geborene Mayröcker erhält die Auszeichnung vor allem für ihren 40 Gedichte umfassenden Band „Scardanelli“. Dessen Titel und Inhalte verweisen auf Friedrich Hölderlin, der sich diesen Namen während seiner Schaffenszeit in Tübingen gab.

Für die vierköpfige Jury bestehend aus Hanser-Verleger Michael Krüger, Autor und Kritiker Peter Hamm, Schriftsteller Peter Handke und „Manuskripte“-Herausgeber Alfred Kolleritsch war Mayröcker wegen „ihrer weit gespannten poetischen Arbeit“ die bestmögliche Preisträgerin. Laudatorin Unseld-Berkéwicz bekräftigte: „Es gibt Gedichte, die nicht auswendig, sondern nur inwendig funktionieren, so wie die von Friedericke Mayröcker. Sie verführt uns.“ Viele Verse der Lebensgefährtin des im Jahr 2000 verstorbenen Literaten Ernst Jandel sind geprägt vom Thema Liebe, Einsamkeit, Trennung oder Abschied.

Neben dem Hermann-Lenz-Preis wurden in Offenburg auch die „Hubert Burda Preise für junge osteuropäische Lyrik“ verliehen. Preisträger 2009 sind die mazedonische Künstlerin Lidija Dimkovska, der Ukrainer Ostap Slyvynksyj und Iulían Tãnase aus Rumänien. Die Auszeichnung würdigt junge, bisher kaum gehörte Künstler Osteuropas und will diese unterstützen. Gemeinsam mit ihren deutschen Übersetzern gaben die Preisträger einen Einblick in ihre Gedichte und Erzählungen.

Zwei junge deutsche Nachwuchsliteraten erhalten das von Hermann und Hanne Lenz initiierte Stipendium. „Die Texte der beiden Hermann-Lenz-Stipendiaten haben mich durch ihre Zurückhaltung eingenommen“, erklärte Jury-Mitglied Peter Hamm die Wahl. Die Berlinerin Julia Blesken las aus ihrem im Herbst erscheinenden Roman „Ich bin ein Rudel Wölfe“, der aus Weimar stammende Christian Rosenau trug Gedichte vor. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich von keinen Umständen unterkriegen lassen“, gab Hamm ihnen mit auf den Weg.

Nach einem Mittagessen in der Offenburger Burda Fondation kamen Gäste und Preisträger vor der malerischen Kulisse der Oberrheinregion im Garten des Fessenbacher Schlösschens zusammen, wo alle Ausgezeichneten noch einmal aus ihren Werken lasen.